Gespräche mit einer älteren Tante – Vertriebene aus Pommern

Schon seit Jahren telefoniere ich regelmäßig mit einer älteren Tante. Sie kommt ursprünglich aus Pommern. Und ist von dort, nach dem 2. Weltkrieg, als junges Mädchen mit ihren Eltern vertrieben worden. Nach einer nicht ungefährlichen Reise mit Zwischenstationen sind sie im Westen gelandet. Viele Menschen, die vertrieben wurden, waren im Westen nicht willkommen. Sie wurden als Eindringlinge empfunden und mit vielen Vorurteilen besetzt. In dieser existenziell harten Zeit, mochten die „Einsäßigen“ nicht die für alle knappe Nahrung und Wohnraum mit ihnen teilen.

Früher hatten sie ein Landgut, mit Tieren und Ackerwirtschaft, besessen. Und konnten sich durch den eigenen Gemüse- und Getreideanbau weitgehend selbst versorgen. Meine Tante ist in einer Zeit aufgewachsen, als ein Großteil der Menschen noch sehr dörflich gewohnt hat. Und mit der Natur und den Tieren verbunden war. Diese Beziehung zur Natur besitzt sie immer noch und sie wohnt in einer ländlichen Gegend. Und hat einen eigenen Garten.

Vor knapp 2 Jahren starb ihr Mann. Erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, über die immer intensiver werdenden Gespräche, wie tief sie miteinander verbunden waren. Und was für eine innige Beziehung, durch viele gemeinsame Interessen und gute Streitgespräche ausgezeichnet, sie miteinander geführt hatten. Auch wenn ein großer Teil der Trauer schon bewältigt ist, fühlt sie sich natürlich mit ihrem verstorbenem Mann, nach über 60 Jahren gemeinsamer Ehe, noch sehr verbunden. Die täglichen Besuche auf dem Friedhof und die Gespräche dort mit ihrem verstorbenen Mann sind ein Teil ihres Alltags und geben ihr viel Kraft.

Vor 2 Wochen ist nun eine ihr nahe stehende Verwandte, in ihrem Alter, sehr schnell gestorben. Sie telefonierten täglich miteinander. Und nun war sie wieder aufgefordert einen Menschen, den sie sehr lieb hatte, loszulassen. Die liebgewonnene Gewohnheit jeden Tag mit ihr zu sprechen, wenn manchmal auch nur kurz, vermisste sie sehr. Aber schneller als bei ihrem Mann, wurde die Erkenntnis, daß diese Verwandte in einem hohen Alter gestorben war und nur kurze Zeit außerhalb ihrer Wohnung leben musste, ein Trost. Im Krankenhaus und betreutem Wohnen war diese Freundin nur ein paar Wochen.

Dieser Freigeist, der fast 90 Jahre alt wurde und sein Leben stets selbst- und eigenbestimmt, mit viel Willenskraft geführt hat, hat sich vehement geweigert ihr trautes Heim und ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Und hat sich wohl deshalb so schnell aus diesem Leben gezogen. Für mich, ganz klar, eine Seelenentscheidung.

Durch die vielen Gespräche mit meiner Tante spürte ich, daß bei ihr die Angst vor dem Sterben in ausgeprägter Form da war. Was in dieser Kultur wohl eher üblich ist. Und sie, noch stärker als ich, in einer Zeit „über den Tod spricht man nicht“ und man bereitet sich nicht „innerlich auf den Tod vor“, aufgewachsen war.

So ergab es sich für mich, auf ganz natürliche Weise, daß ich mit ihr neben aufbauenden Themen, wie über die Natur, auch über diese Dinge sprach. Ihr meine Vorstellung davon erzählen und auch meine Gewissheit betonen konnte, wiedergeboren zu werden. Ich habe ihr auch den Hinweis gegeben, daß früher in der Bibel, die Erzählung der Wiedergeburt, ein Teil davon war. Bis man sie entfernt hat.

Und ich habe gespürt, sie macht innerlich auf, für eine Vorstellung, daß der Tod doch nicht das endgültige Ende des Lebens als Mensch sein könnte. In ihrer Vorstellung ist durchaus enthalten, daß sie, nach ihrem Tod, ihrem lieben Mann wiederbegegnen wird. Doch jetzt erstmal möchte sie noch weiterleben. Ich fühle wieder den Lebenslust und den Humor in ihr. Und auch die Dankbarkeit, noch alleine leben zu können mit einer gewissen Unterstützung. Und mit einer guten Nachbarin als Freundin in der Nähe. Und Menschen, aus dem Dorf, die sie wahrnehmen und mit ihr sprechen und ihr damit eine Freude bereiten. Sie sich so als ein Teil des Ganzen fühlt. Das kann der Vorteil, als älterer Mensch sein, in einer dörflichen Umgebung zu wohnen. Neben einigen Herausforderungen der Essens- und ärztlicher Versorgung.

Und ich freue mich darauf, daß ich, bis es bei ihr soweit ist, an ihrer Seite, meist telefonisch, weilen und sie begleiten darf. Und freudige, tiefsinnige und bewegende Gespräche mit ihr führen kann.

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Prosa

Zeitgeschichte

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Verfasst von

Herausfordernde Ereignisse im Leben eignen sich im besonderen Maße, um sich auf den Weg zu sich selbst auf-zu-machen. So war es bei mir vor 25 Jahren. Ich möchte all das nicht mehr missen, was ich erforscht, entdeckt und gefunden habe. Und jetzt, mitten auf dem Weg, eine tiefe Verbindung zu meinem wahren Sein habe. Mich selbst spüre und energetisch ausgleichen kann. Und so immer wieder oder länger in einen tiefen Frieden komme. Einfach bin ... und gleichzeitig zur bewußten Schöpferin meines Lebens werde !

2 Kommentare zu „Gespräche mit einer älteren Tante – Vertriebene aus Pommern

  1. Das ist schön! Dass sie so eine gute Ehe führte, ist nach allem, was ich aus eigener Verwandtschaft und Bekanntschaft meiner Eltern kenne, eher selten. Zu oft waren beide traumatisiert und zu so einer liebevollen Beziehung, wie du sie schilderst, nicht in der Lage.
    Die Seelenentscheidung, nicht fremdbestimmt leben zu wollen, kenne ich aber auch (oder habe es zumindest auch so wahrgenommen): Sowohl bei meiner Oma wie auch bei meiner Mutter, die ja während des (ersten) Lockdowns letztes Jahr gestorben ist, nachdem sie zuvor bis zuletzt sehr aktiv und sozial gut vernetzt war.
    Herzliche Grüße! 💝💕

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    1. Vielen Dank, für deine persönlichen Zeilen,k Maren. Mich berührt dies alles, was mir meine Tante erzählt. Besonders Geschehnisse von früher höre ich sehr gerne. So habe ich auch die Geschichte, wie sie meinen Onkel kennengelernt hat, erfahren. Ich habe es kaum glauben können, wie mutig und selbstbewußt er agiert hat. 😉 Ich kenne eine wirklich gute Ehe aus dieser Generation und eine aus der Nachfolgenden ! Also rund herum wirklich erfüllt. So, daß der Partner auch so angenommen wird wie er ist. Beide Beziehungen waren, sind mit viel Humor gewürzt. Herzensgruß, Elli

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