Leni, die Weberknechtin

Prosa

Pstt ! Den Faden habe ich geklaut und beißen tue ich auch nicht …

Leni, war schon als kleines Spinnenmädchen ganz anders als die anderen Kinder. Genau genommen war sie als Weberknechtin gar keine richtige Spinne ! Denn ihr Vorderkörper und Hinterkörper waren miteinander verwachsen. Sie hatte nicht den großen Popo, den richtige Spinnen besitzen. Und damit fehlte es ihr an einem wichtigen Spinnencharakteristikum. Zudem verfügte sie weder über Spinn- noch über Giftdrüsen ! Jedoch war ihr Kopf mindestens zwei Mal so groß wie üblich. Davon profitierte ihr Denkvermögen auf eine beachtliche Weise. Sie war sogar in der Lage einfache Kopfrechnungen durchzuführen. Und im Entwerfen strategischer Pläne war sie unübertroffen.

Jedoch konnte sie, sofern es die Notwendigkeit der Situation entsprach, ihre Stinkdrüsen benutzen, um die umgebende Luft mit ihrem unbekömmlichen Parfüm anzureichern. Das bekam den Spinnen, die ihr spottend auf den Pelz gerückt waren gar nicht. Benebelt lagen sie auf dem Boden. Und Leni hätte die Situation ausnützen können. Das wäre jedoch weit unter ihrer verstandenen und gelebten Spinnenwürde gewesen. So verließ sie das Kampffeld mit erhobenem Haupt und suchte sich ein neues Nachtlager. Mit der Zeit hatte sich ihre Geheimwaffe herumgesprochen und man ließ sie in Ruhe.

So lebte sie als alleinumherkrabbelnde und kletternde Spinne ruhig und beschaulich.

Bis an dem Tag als, …

… als sie auf der Bühne einer Familie einzog. Diese Bühne war ein Paradies für kleine Spinnenmädchen. Viele nicht einsichtbare Nischen, Ecken und Winkel, in denen sie sich verkriechen konnte. Was diesen Ort besonders auszeichnete, das ließ ihr Mädchenherz höher schlagen, war eine wunderschön eingerichtete Puppenstube.

Doch bevor ich weiter erzähle: Leni hatte noch eine weitere Besonderheit. Sie konnte, im Gegensatz zu den anderen Weberknechten ausgezeichnet sehen ! Woher dies genau kam, konnte ihr ihre, unter tragischen Umständen, früh verstorbene Mutter nicht genau sagen. Man munkelte darüber, daß eine Uroma sich mit einer artfremden Spinne einließ und dieses Gen ihr eine gute Sehfähigkeit bescherte.

Als sie das Tischchen und die Stühle und das allerliebst kleine Bettchen sah, stieß sie Pulswellen von hochfrequenten Tönen aus, wie zuletzt an dem Tag ihrer Geburt, als sie das Leben, auf solch eine Weise, begrüßt hatte. Auch wieder eine ganz unübliche Art für Möchte-gern-Spinnen !

In ihrem Rucksack hatte sie ein fein angedautes Mitbringsel dabei. Schnell deckte sie den Tisch und stellte einen Teller in die Mitte. Das kleine Messer und die Gabel ließ sie lieber liegen. Jeder Versuch es den Menschen gleichzumachen, hatte sogleich zu Verletzungen an ihren Beinen geführt.

Sie waren, Spinnengott sei dank, gut geheilt. Aber sie war so stolz auf die Beweglichkeit ihrer Beine. Sie bestanden aus 100 Einzelglieder. Diese Umstände ließen sie zu einer wahren Kletterkünstlerin von großem Stil heranwachsen.Sie genoß es in gewaltiger Höhe mit dem Kopf nach unten sich von einem luftigen Windchen hin- und herschaukeln zu lassen.

Die Türe knarrte, Leni erzitterte. Und zog sich auf einen Beobachtungsposten in der Ecke zurück.

Leise, sehr ungewöhnlich leise für ein schweres Menschenkind, kam ein kleines Mädchen hereingeschlichen. Sie schloß die Türe und drehte den Schlüssel von innen im Schloß wieder um. Aha ! Sie wollte nicht gestört werden, vollzog Leni den logischen Schluß daraus.

Mit aufrechtem Gang stolzierte das Mädchen bis zur Mitte der Bühne. Da fiel dem Spinnenmädchen das glitzernd-silberne kurz-bauschige Kleid und die Strumpfhose darunter auf. Gekrönt wurde dies durch enganliegende weiße Schühchen, mit geschlungenen Bändern um die Knöchel, Könnten Spinnen rot werden, wäre Leni jetzt himbeerrot, vor innerer Beteiligung, angelaufen. Wie hübsch das aussah !!!

Erst jetzt entdeckte Leni die Stange, die zwischen zwei Balken befestigt waren. Das Mädchen stolzierte dorthin, hielt sich an der Stange fest und machte Bewegungen mit den Beinen. Aufrecht stehend bewegte sie ihr linkes Bein nach links und berührte mit der Fußspitze den Boden. Das gleiche machte sie mit ihrem rechtem Fuß. Dann spreizte sie die Beine und senkte sich nach unten ab um gleich darauf sich nach oben, auf den Fußspitzen ruhend, zu strecken.

Leni war begeistert, wie elegant das aussah ! Gleich stieg das Bedürfnis in ihr auf es dem Mädchen gleichzutun. Sie ahmte die Bewegungen mit jeweils einem Bein nach links und rechts nach. Mit der Zeit wurde sie mutiger und orchestrierte alle achte Beine auf eine ähnliche Art und Weise wie das Kind.

Nun schritt das Mädchen wieder zur Bühnenmitte. Sie drehte sich, wie von Zauberhand geführt, in Pirouetten, kreiste elegant und erhoben auf einer Fußspitze. Ihre Hände hatten eine vornehme Position, die Spitzen einander zugewandt, eingenommen.

Minutenlang schaute sie dem Mädchen bei ihrem Tanz zu und war entzückt. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so lebendig und in ihrem Element gefühlt. Sie entdeckte einen langen Nagel, der im oberen Holzbalken eingeschlagen war. Sofort stieg die Idee in ihr auf, das gleiche zu tun. Schnell erklomm sie ihre Balettstange und hielt sich an dem Nagelkopf fest.

Leni vollführte kreisende Bewegungen, die mit jeder Umdrehung immer runder und harmonischer aussahen. Die übrigen 7 Beine ließ sie dabei tänzerisch auf und absinken. Sie drehte sich immer schneller im Kreis und bemerkte gar nicht, daß das Mädchen mit ihren Übungen aufgehört hatte.

Sie war in der Zwischenzeit, fast geräuschlos, zu ihr gelaufen und stand in einem Abstand von 20 cm vor ihr und schaute ihr bei ihrem Tun zu. Leni stoppte und hielt auf der Höhe ihres Kopfes an. Vor lauter Verwunderung vergaß sie sich zu verstecken. Doch weder schien ihr das Mädchen etwas antun zu wollen, noch schrie sie auf „Iihhh, eine Spinne !“

Neugierig schaute das Kind sie an und sagte: „Wie hübsch das gerade aussah … du hast dich gedreht, fast so wie ich !“ Das habe ich noch nie bei einer Spinne gesehen. „Na, du Kleine, das hast du fein gemacht !“ Leni war innerlich berührt, einem Menschen zu begegnen, der nicht schrie, wenn er sie ansah. Und auch nicht auf brachale Art versuchte sie um ihr kurzes Leben zu bringen.

Vorsichtig hielt das Mädchen ihre Hand hin und schaute sie hoffnungsvoll an. Leni zögerte. Bedeutete das sie sollte auf ihre Hand klettern ? Konnte sie ihr wirklich Vertrauen ? Ein innerer Impuls stieg in ihr auf, der sie ermunterte zu springen.

Mit einem weiten Sprung landete sie auf der Handfläche. Das Kind lachte mit glockenheller Stimme auf. „Und weit springen kannst du auch noch !“ „Meine kleine Zauberspinne !“ Dann lief sie mit ihr zusammen zum Puppenhaus und legte ihre Hand so an die untere Etage so daß sie reinklettern konnte. Wortlos beobachtete sie wie die Spinne zu dem Stuhl kletterte und das noch daraufliegende Mahl verspeiste.

Plötzlich erklang ihre Stimme: „Ich beobachte euch Spinnen schon seit ich klein bin !“ Meine Mama hat mir viel über euch erzählt. Auch, daß ihr Kletterkünstler seid !“ „Und auch daß man euch nicht tot machen darf !“ „Und das habe ich auch noch nie, Ehrenwort !“ „Ich gehe jeden Tag auf die Bühne um mich aufzuwärmen und meine Ballettübungen zu machen.“ Du darfst gerne hier im Puppenhaus wohnen.“ „Ich glaube, daß es hier oben genügend für dich zu fressen gibt !“

Sie ging schon in Richtung Türe und drehte ihren Kopf nochmal zu ihr. Und erzählte, daß sie jetzt auch zum Frühstück gehen würde. Sie winkte ihr zum Abschied noch zu. Und versprach ihr sie am nächsten Tag wieder zu besuchen. Leni schwelgte im Glück und freute sich auf eine weitere Begegnung mit diesem zauberhaften Menschenkind !

Es sind einige wahre Tatsachen über Weberknechte hier eingebaut, vielleicht sogar mehr, als ihr vermuten würdet. An gewissen Stellen habe ich frei erfunden oder phantasiert. Ich würde mich sehr freuen, wenn euch die Geschichte be-rührt. Denn Berührungen auf verschiedenen Ebenen, sind das Thema dieser Zeit, so daß wir wieder heil werden.

© Elli (Elke Strohmaier)

Bildquelle: Pinterest

Verfasst von

Herausfordernde Ereignisse im Leben eignen sich im besonderen Maße, um sich auf den Weg zu sich selbst auf-zu-machen. So war es bei mir vor 25 Jahren. Ich möchte all das nicht mehr missen, was ich erforscht, entdeckt und gefunden habe. Und jetzt, mitten auf dem Weg, eine tiefe Verbindung zu meinem wahren Sein habe. Mich selbst spüre und energetisch ausgleichen kann. Und so immer wieder oder länger in einen tiefen Frieden komme. Einfach bin ... und gleichzeitig zur bewußten Schöpferin meines Lebens werde !

2 Kommentare zu „Leni, die Weberknechtin

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