Frieda saß auf der alten Holzbank ihrer Terrasse. Erfreute sich an dem Gesang der Vögel und der lauen Luft, die sie umfing. Ihr Blick fiel auf ihren prächtigen Rosengarten, der jetzt in der vollen Blüte stand. In der Blüte, wie sie damals als junge Frau gewesen war. Auch sie war eine Rose. Eine wilde Rose mit Dornen. Im Verblühen begriffen. Doch das betraf nur ihren Körper. Ihr Geist war lebendig und rege. Ihr Herz liebender Natur und vergebend. Sich selbst und anderen gegenüber. In sich ruhend sah sie, die Welt da draußen, in der Rolle einer Beobachterin. Mit immer mehr Distanz.
Frieda war die Letzte ihrer Familie, die hier noch weilte. Und war jetzt, ganz bewußt, dabei sich von dieser Welt zu lösen. Die materiellen Bande abzustreifen. Das innere Bedürfnis zu gehen wurde immer größer. Sie war nicht krank, litt nicht unter Demenz oder Depressionen. Aber sie verspürte den inneren Ruf, dorthin zurückzukehren, woher sie ursprünglich kam. Wo alle Menschen herkamen.
Immer wieder stiegen Momente ihres Lebens in ihr auf. Dann sah und fühlte sie, als wenn diese Situation erst gestern gewesen wäre. Die tiefe Verbindung und die erfüllende Liebe zu ihrem bereits voran gegangenen Mann Jacob, der der Einzigste in ihrem Leben gewesen war.Die Hausgeburten ihrer Kinder. Ihre Enkelkinder, die frisch geboren, in ihren Armen lagen. Geborgen in ihrer Liebe zu ihrer Mutter und Großmutter, konnten sie das entwickeln was als Schatz tief verborgen in ihnen lag.
Mit tiefer Dankbarkeit ließ Frieda diese schönen Momenten des Lebens in ihr aufsteigen und weilte noch einmal darin. Oder ließ sie nun los, wenn sie noch mit einer gewissen Schwere belastet waren. Sie wollte ganz leicht und zart, wie eine Feder, aufsteigen.
Seit ein paar Monaten erschien ihr verstorbener Mann Jacob wieder in ihren Träumen. Zuletzt war das nach seinem Tod geschehen. Bei jedem Traum, der letzten Monate, kam er ihr ein Stück näher. Und in der Nacht, wenn er vor ihr stehen würde und ihr die Hand reichen, würde sie, diese Welt verlassen. Und mit ihm gehen.
Ihre Enkelkinder hatte sie schon auf ihr Gehen vorbereitet. Sie konnten diese weltliche Idee, daß man, nach dem Tod, ganz voneinander getrennt war, nicht annehmen. Frieda würde weiterhin an deren Seite weilen und sie, wie ein Schutzengel, begleiten. Die anfängliche Traurigkeit der Kinder war verblichen und der Glaube, daß sie nie voneinander getrennt sein würden, gestärkt. Nur ihre Tochter Laura hatte noch Schwierigkeiten diese Vorstellung freiwillig zu gehen, anzunehmen. Aber ihre Enkel wußten, wenn es dann soweit war, genau was zu tun sein würde.
Heute wollte sie unter der großen Linde, ihrem Ahnenbaum, übernachten. Die aufsteigende Wärme des Tages und die laue Nacht, die folgen würde, würde es erlauben.
Frieda bereitete ihren Schlafplatz im Freien vor. Lehnte sich an die alte Linde und wurde still. Empfing die Stille und breitete sie, wie ein Tuch, in sich und um sich herum, aus. Als sie in der Abenddämmerung sich in ihre Decken kuschelte, kam ihr Kater Möhrle zu ihr. Schmiegte sich an sie.
Die Abenddämmerung schmückte den Himmel mit wunderschönen Farben violetter Schattierungen. Ein Lächeln stieg in Frieda auf, waren dies doch ihre Lieblingsfarben. Es schien ihr, als wenn kurz das Gesicht von Jacob hoch oben am Hinmmel aufblitzten würde.
Dann übergab sie sich vertrauensvoll dem Schlaf hin. Eine Wiese erschien vor ihr. Diese Wiese ähnelte derer, auf der sie als junges Paar, unschuldig und vergnügt gespielt und getanzt hatten. Unter Lachen drehte Frieda sich im Kreise, bis es ihr schwindelig wurde. Der Last eines alten Körpers enthoben. Warme Hände senkten sich auf ihre Schultern herab und drehten sie sachte um. Sie schaute in das lächelnde Gesicht von Jacob, der wie sie jung in den Dreißiger erschien. Als sie sich umarmten, fühlte sie den Sog ihrer Seele, die sich aus dem Körper zurückzog. Und im rasend schnellen Flug sausten sie dem dunklen Sternenhimmel entgegen.
Im Morgengrauen, gerade als das Licht die dunkle Nacht überwand, erschienen am Horizont drei Kinder. Verschiedener Größe und verschiedenen Alters trug jeder von ihnen eine flackernde Laterne in der Hand. Diese beleuchteten den Weg vor ihnen. Bedächtig, mit langsamen Schritt und einem Lied auf den Lippen, steuerten sie das Häuschen von ihrer Oma Frieda an.
© Elli (Elke Strohmaier)
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Fotoquelle: Pinterest/Sheila
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