Der Kandel ist einer der sagenumwobendsten Berge im Schwarzwald. Dieser liegt zwischen Waldkirch und St. Peter. Um ihn ranken sich sagenhafte Geschichten. Hier sollen Hexen, seit jeher, ihr Unwesen getrieben haben. Diese Mythen werden immer noch an die jüngere Generation weitergegeben. Zu der Zeit der schweren Herbststürme, wenn die Tannen sich im Sturm biegen, erzählen die Großmütter und – väter die alten Geschichten aus der Heimat. Und die Kinder tauchen in die Magie rund um die Kandelgeister ein. Am 1. Mai 1981 um 0:17 Uhr, in der Walpurgisnacht, brach mit gewaltigen Getöse ein riesiger Felsvorsprung ins Tal hinunter und schreckte die Menschen auf. Am nächsten Morgen fand man im tonnenschweren Geröll, unterhalb des Kandelmassivs, einen Hexenbesen. Seitdem trägt der Berg den Beinamen „Blocksberg“ des Schwarzwalds“.
Ellis Geschichte:
14 Jahre später, am frühen Abend der Walpurgisnacht, bestieg ein junger Mann aus Waldkirch, den Kandel. Seine Großmutter Emma hatte ihm in seiner Kindheit, die alten Sagen aus der Heimat, an dunklen und stürmigen Herbstabenden, erzählt.
Tobias konnte sich noch genau daran erinnern, wie ihn diese Geschichten als Kind in eine andere Welt versetzten. Sobald er beim Zuhören die Augen schloß, sah er das Erzählte in inneren Bilder und spürte die Kandelgeister in seiner Nähe. Meist schlief er gegen Ende der Geschichten ein und träumte sie weiter.
Heute, viele Jahre später, wollte er das Versprechen einlösen, das er seiner Großmutter, kurz vor ihrem Tode, gegeben hatte. Daß er, im Alter von 17 Jahren, die Walpurgisnacht auf dem Kandel verbringen würde. Ausgerüstet mit einem Schlafsack, Zelt, und Essen, verließ er sein Dorf und bestieg den magischen Kandel.
Dort angekommen, begab sich Tobias an eine schon oft aufgesuchte Stelle, die tief im Wald lag. In einem Kreis von Eichen schlug er sein Nachtlager auf. Der Mond über ihm erstrahlte hell und glänzend. Er kroch tief in den Rucksack hinein. Es war 23.00 Uhr.
Er hatte vor bis 00.00 Uhr wachzubleiben. Doch die Müdigkeit senkte sich früher über ihn, wie eine Decke, die sich über ihn legte. Als er wieder erwachte, saß eine Eule auf seiner Schulter. Sie strich mit einem Flügel über sein Gesicht. Die Augen, die ihn anschauten, waren ihm vertraut. Doch erst als sie abhob und flatternd gen Himmel aufstieg und sich verwandelte, erkannte er sie mit Sicherheit. Seine Großmutter Emma auf einem Besen !
Sie wies ihn an ihr zu folgen. Und noch während sich Tobias die Frage stellte, wie er das machen sollte, fingen seine Flügel von selbst an zu schlagen und er folgte Emma nach. Kurze Zeit später beobachtete er das gleiche Schauspiel der Verwandlung, von der Gestalt der Eule, in die einer Frau, verschiedenen Alters, nicht zählbar, am Himmel.
Mit Hexen hatten diese Frauen nichts gemein. Aber vielleicht sollte das Wort Hexe, in diesem Fall, etwas anderes bedeuten: Frauen, die ihre Talente, Fähigkeiten und Kräfte entwickelt hatten und nun in dieser besonderen Nacht zum Wohle der Natur hier wirkten.
Tobias empfand es als eine Ehre, daß er als Mann, in dieser Walpurgisnacht, an dem wilden und freudigen Treiben, teilhaben konnte. Als er im Morgengrauen, in seinem Schlafsack wieder erwachte, konnte er nicht sagen, wie lange er über dem Kandel, auf einem Besen geritten war.
Er fühlte sich wie verwandelt. Und wußte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß seine Großmutter, ihre besonderen Kräfte, an ihn weitergegeben hatte, da es keine weiblichen Nachfolger in der Familie gab.
***
© Elli (Elke Strohmaier)
Info über den Kandel und Foto:
Beate Bannach

Kommentar verfassen
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.