Der Ruf des Adlers

Visions-Fantasy-Geschichte

Hoch oben auf dem alten Turm hatten seine Eltern ihren Wohnsitz bezogen. Die Steintreppe, die zum Turm hochführte, war teils zerfallen und fast unbegehbar für Menschen. Gesichert durch ein verschlossenes Eisentor, am Ende der Treppe. Und so drangen hier, auf der Plattform, keine Besucher in das Falkenrevier ein. Und das Turmfalkenpaar konnte, unter dem Dachvorsprung, ungestört ihr Junges aufziehen.

Am vierten Tag, nachdem er das Ei durchbrochen hatte, öffnete er sein Augen. Er befand sich dicht am und unter dem Körper seiner Mutter und wurde von ihren Flügeln gewärmt. Nun sah er das erste Mal die kuschligen Federn, die er die ganze Zeit spürte. Er hörte Schreie, die von weiter weg an seine Ohren drangen. Und fühlte eine Präsenz, die sich von den der Turmfalken unterschied. Seine Mutter erklärte ihm, daß dies ein Adler wäre, der seinen Ruf ausstoßen würde, während er im engen Kreis um den Turm herum flog. Er spürte Unruhe in ihr aufsteigen.

Als sich sein Augenlicht schärfte und er unter dem Federkleid der Mutter hervorstibitzte und den Adler sehen und beobachteten konnte, stieg Bewunderung in ihm auf. Für seine Flugkunst: wie er scheinbar mühelos hoch oben am Himmel flog. Und er verfolgte aufmerksam seine kühnen Flüge. Sein Vater hatte ihm erzählt, daß der Adler die Strömungen des Windes nutzte, um höher und höher zu fliegen, stets der Sonne entgegen. Dann würde er auf einem Felsen landen und auf den Wind warten, der ihn weiter empor tragen würde. Der Adler hat keine Angst vor den Stürmen. Ganz alleine und majestätisch zieht er seine Runden in der Höhe des Himmels.

Am Ende der zweiten Woche, durfte er, immer wieder, die schützende Nähe seiner Mutter verlassen. Nun hatte er die Möglichkeit sie von außen anzuschauen. Von nun an wußte er wie sie, zugehörig zu der Sippe der Turmfalken, aussah. Seine Mutter verließ ihn nun, immer wieder, für kurze Zeit um auf die Jagd zu gehen. Sein Vater war dann in seiner Nähe.

An einem Spätnachmittag in der darauffolgenden Woche, vernahm er wieder die gleichen Schreie von diesem Vogel, der Adler hieß. Er stand gerade aufrecht und flügelschlagend im Nest, als sich der Adler näherte. Wieder flog dieser im engen Radius um den Turm herum. Der Adler war viel größer als sein Vater und seine Mutter. Er fühlte seine mächtige Gegenwart, die ihn durchdrang und belebte.

Seine Eltern hatten ihm vieles beigebracht, was er als heranwachsender Turmfalke wissen sollte. Und er hatte sie ausgiebig bei ihrem Tun beobachtet. Deshalb wußte er, daß Falken nicht auf dem Speiseplan der Adler standen. Es waren der Sperber, der Habicht, der Wanderfalke und der Uhu, die ihnen nach dem Leben trachteten.

Wühlmäuse waren seine Hauptnahrung, mit der er von seiner Mutter zuverlässig gefüttert wurde. Und ab und an war auch ein Regenwurm dabei. Sein anfangs gieriges Sehnen und Schlucken des Fleisches wich bald der Erkenntnis, daß dieses Tier zuvor auch gelebt hatte, wie er. So wandelte sich sein gieriges Fressen in eine gebremste Lust der notwendigen Aufnahme des Fleisches um zu wachsen und zu leben.

Nur ein Ei, das seinige, hatte im Nest gelegen. Deshalb widmeten ihm seine Eltern, die schon viele Junge auferzogen hatten, als Einzelküken viel Zeit. Schenkten ihm ihre Aufmerksamkeit und Liebe, die er aufsog und in ein schnelles körperliches Wachsen und einen wachen Geist umsetzte.

In ihrer Plauderzeit erzählte ihm seine Mutter über die Vögel, die vor ihnen gelebt hatten. Sie nannte sie Ahnen. Und auch Geschichten, über seine älteren Geschwister, von ihrem Werden und manchmal auch schnellem Vergehen. Nicht jeder von ihnen kam über das Kükenalter hinaus.

Er hatte einen besonderen Traum in dieser Nacht. Er träumt ein Adler zu sein, der liebevoll seine Junge im Nest fütterte. Dann verwandelte er sich in einen Uhu, der, tief in der Nacht mit einem „huhuuu“ durch den Wald flog. Anschließend erlebte er sich im Körper eines Raben, wie er mit seiner Sippe hoch oben auf einem Baum saß und krächzte. Und auch eines Habichts, der in spektakulären Flügen seine Beute in der Luft schlug. Er wachte auf und fragte sich, ob das Erlebte wirklich war. Und er dies vor langer Zeit selbst erlebt hatte.

Vom ersten Mal an, als er die Präsenz des Adlers fühlte, spürte er die wachsende Verbundenheit. Es schien ihm, als wenn er von der Adlerenergie umwoben war, sie aufnahm und diese ihn wandelte und sein Leben als Turmfalke zu verblassen begann.

Kurze Zeit später unternahm er seine ersten Flugversuche. Er fühlte die überschießende Kraft in seinen Flügeln und er nutze die Mauern und Vorsprünge des Turmes für kurze Flüge dazwischen. Zum Starten und zum Landen. Bis er sich immer sicherer fühlte und sich mutig, von der Brüstung fallen ließ. Sogleich seine Flügel öffnete und mit kräftigem Schlag sich wieder aufwärts in die Luft erhob und über die Täler unter ihm flog. Aus anfänglich kurzen Flügen wurde immer längerere. Seine Muskeln wurden kräftiger und seine Flüge wendiger und eleganter. Er fühlte eine überbordende Lebenslust dabei, die berauschend durch seinen Körper zog.

An einem Morgen, in seiner sechsten Lebenswoche, flog der Adler wieder ganz dicht an seinem Nest vorbei und raunte ihm deutlich zu, daß er heute, kurz vor Sonnenuntergang, ihn besuchen kommen würde. Sein Falkenherz, fing wild an zu pulsieren und jubelte auf. Er wußte zwar nicht, was der Beweggrund und Inhalt des Besuches sein sollte, doch er vertraute dem Adler.

Das Abendrot kündigte den Tag, der sich verabschiedete, an. Seine Eltern flogen, ungewöhnlicherweise, gemeinsam zum Beutefang aus. Er wunderte sich, dies hatten sie noch nie gemacht. Dies schien das Zeichen für den Adler gewesen zu sein. Er tauchte kurz danach in der Nähe der Burg auf und umkreiste den Turm. Dabei teilte er seine Gedanken mit ihm: „Soll ich dich mitnehmen, kleiner Falke ?“ „Möchtest du dich über das gewöhnliche Leben eines Turmfalken erheben ?“ „Dich erschwingen über das, was diese zerberstende Welt dir bietet ?“

Nur einen kurzen Moment ging er in sich, bevor er mit einem kräftigen und freudigen Schrei seine Bereitschaft dazu bekundete. Dieser Schrei klang bis zu den Ohren seiner Eltern, die alarmiert den Rückflug anbrachen. Doch als sie in Reichweite des Nests erschienen, hatte sich der Falke schon erhoben und flog dem Adler nach. Sein Vater rief dem Adler noch nach, daß dieser den Einzigsten verführt und entführt hätte. Doch die Mutter wiegelte ab. Sie hatte es schon geahnt, daß er dem Ruf des Adlers folgen würde. Im wehmütigen Ton erzählte sie ihrem Gefährden, daß sie schon, als er noch im Ei, in ihr, geschlummert hatte, wahrnahm, daß er anders ist, als die Kinder zuvor.

Sie ließ ihren Gefährden teilhaben, an dem für ihn unbekannten Mythos, den einst ihre Mutter erzählt hatte. „Daß eines Tages, aus ihren Reihen, ein Falke hervorgehen würde, der dem Ruf des Adlers folgt“. Und diese Geschichte würde, in ähnlicher Form, innerhalb aller Vogelarten erzählt werden. So würde die Zeit eingeleitet, indem das sich gegenseitig fressen und gefressen werden, ein Ende nehmen würde. Und die Vögel, die nicht nicht dazu bereit wären, würden nach und nach von der Oberfläche der Erde verschwinden. Und nicht wiederkommen in einer jungen Gestalt. Und sich in anderen Welten wiederfinden.

Während des Fluges gingen der Adler und der Turmfalke in einen Gedanken- und Gefühlsaustausch. Der Adler erzählte ihm, daß er, bevor der Turmfalke seine Eischale durchbrach, schon spürte, daß ihre Leben miteinander verknüpft sind. Und daß es die Bestimmung von beiden wäre, innerhalb ihrer Gemeinschaft, die Anhebung der Erde in eine höhere Dimension bewusst und aktiv zu begleiten.

Der Adler flog zu seinem Landsitz auf einer Burg. Er landete auf der Steinmauer, welche die Burg umgab. Als der Turmfalke all die Vögel die über dem Burghof, den Spitztürmen, Dächern und Brüstung verteilt sah, war er sehr erstaunt. Überall um ihn herum sah er Vögel verschiedener Rassen und Größen. Sie saßen alle friedlich beisammen und schienen ihn erwartet zu haben.

Ein Willkommenskonzert von Flügelschlagen und Rufen erklang, als er auf der Brüstung landete. Er nahm wahr, daß hier Vögel versammelt waren, die sich ansonsten gegenseitig jagten. Er sah auch einen Wanderfalken und einen Uhu, die keine Absicht hatten ihm oder anderen Tieren etwas anzutun. Merkwürdigerweise, war von jeder Rasse nur zwei Tiere vertreten. Der Adler, der sich mit ihm in telepathischer Verbindung befand, ergänzte diese Wahrnehmung: „Jeweils ein Weibchen und ein Männchen sind hier vertreten !“

„Jeder, den du hier siehst, ist dem Ruf gefolgt“, ergänzte er seine Erläuterung.

Er fühlte hier eine viel höhere Schwingung, als dort wo er aufgewachsen war. Die Angst, die er in Verbindung mit Aufregung und Vorfreude beim Anflug gespürt hatte, war verschwunden. Er nahm nun die Details der Burg wahr. Auf dem Hof waren Steintröge verteilt, die mit Samen, Körner und Nüssen angefüllt waren. In anderen befand sich Obst. Der Adler antwortete auf seine Gedanken mit: „Nicht jeder hier, ist in der Lage sich nur von pflanzlicher Nahrung zu ernähren.“ „Das ist für uns in der Übergangszeit vollkommen in Ordnung.“ „Jede Wandlung sollte von innen heraus und nicht durch Druck von außen seinen Anfang nehmen !“

Inzwischen war die Nacht angebrochen und die ersten leuchtenden Sterne am schwarzen Himmel wurden sichtbar. Es war leise geworden. Nur ab und an erklang ein Piepsen, Krächzen oder ein Ruf eines Vogel. Einige Vögel hatten ihren Platz verlassen und sich zu einem gemütlicheren Nachtquartier begeben. Nach und nach schlossen sie ihre Augen und manche steckten ihren Kopf unter das Gefieder.

Der Adler erzählte ihm noch Episoden aus seiner Kindheit. Und er wußte im Nachhinein nicht mehr genau, in welchem Moment er seine Augen schloß und er sich, kurz später, im Traum mit dem Adler zusammen, hoch über dem Tal fliegend, wiederfand.

© Elli (Elke Strohmaier)

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Bildquelle: Pinterest

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Geschichten

Prosa


Verfasst von

Herausfordernde Ereignisse im Leben eignen sich im besonderen Maße, um sich auf den Weg zu sich selbst auf-zu-machen. So war es bei mir vor 25 Jahren. Ich möchte all das nicht mehr missen, was ich erforscht, entdeckt und gefunden habe. Und jetzt, mitten auf dem Weg, eine tiefe Verbindung zu meinem wahren Sein habe. Mich selbst spüre und energetisch ausgleichen kann. Und so immer wieder oder länger in einen tiefen Frieden komme. Einfach bin ... und gleichzeitig zur bewußten Schöpferin meines Lebens werde !

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