Yin Yoga – mit Sanftheit und Geduld in die Tiefe

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Es mag kinderleicht aussehen, wenn ein Mensch still daliegt und dabei ein bisschen wie ein Frosch aussieht. Er rührt sich nicht, er regt sich nicht und ist umgeben von Bolstern, Decken und Blöcken.

Soll das Yoga sein?

Irgendwie hat das eine Wohnzimmeratmosphäre. Ganz anders als in schweißtreibenden Yogastudios, bevölkert mit unglaublich dynamischen Yoginis und Yogis, die von einem Chaturanga ins nächste fliegen, ohne auch nur einen der zahllosen Schweißtropfen von der Stirn wischen zu müssen.
 
Ja, es sieht vielleicht kinderleicht aus, ist aber herausfordernder, als die meisten glauben!
 
Wer wagt schon zu behaupten, dass die Stille harmlos ist, hält doch in einer Zeit marktschreierischen Lärms und bühnenwirksamen Wichtigkeiten kaum jemand Stille aus. Es gibt wohl nichts Gefährlicheres als die Stille.

In der Stille halten

Wir sprechen hier von Yin-Yoga, und woher hier der Wind weht (der nicht aufbrausend ist), verrät bereits der Name: Yin. Wir sprechen hier von der weiblichen, sanften, passiven, empfangenden, kühlen Energie.

Das polare Gegenstück ist Yang, die männliche, kraftvolle, aktive und heiße Energie. Yin und Yang sind die beiden kosmischen Urkräfte des Taoismus, die, eins mit dem göttlich Namenlosen, dem Tao, die „zehntausend Dinge“ der Welt durchdringen.

In einer Yin Yoga Praxis begibt man sich lange und ausdauernd — drei bis fünf Minuten — in eine Asana und geht mehr und mehr in die Tiefe. Dabei spannt man die Muskeln nicht an, sondern bleibt achtsam bei seinem Körper, seinen Emotionen und Gedanken. Da tut sich nicht viel, so scheint es, doch der Schein trügt, denn Yin-Yoga-Übungen haben es in sich. Warum dies so ist, später. Vorerst zur Geschichte des Yin Yoga.

Die Geschichte des Yin Yoga

Yin Yoga wurde von Paul Grilley entwickelt. 1987 lernte Grilley die „Daoist Yoga Classes“ des amerikanischen Kung-Fu-Meisters Paulie Zink kennen und war fasziniert von dem langen, stillen Halten der Posen und erfuhr, dass diese Praxis still, aber wirksam an die persönlichen Grenzen heranführt — anders freilich als eine dynamische Yoga-Praxis.

Grilley entwickelte den Stil weiter und integrierte seine Kenntnisse über Anatomie. Grilleys Yin-Yoga-Übungen sind aber mehr als langes Halten von Asanas, sie fordern dazu heraus, sich immer tiefer in den eigenen Körper, in seine Möglichkeiten und Grenzen hineinzuspüren.

Eine echte Yin-Yoga-Praxis ist gewissermaßen eine stille Expedition durch Körper, Seele und Geist und erfordert Hingabe und Ausdauer.

Die Reise durchs Bindegewebe

Bei einer Yin-Yoga-Praxis lernt man zu unterscheiden, worauf der individuelle Bewegungsspielraum zurückzuführen ist, wie viel individuellen Raum man hat. Da gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. die individuelle Knochenstruktur und
  2. die muskuläre-fasziale Spannung.

Die Knochenstruktur lässt sich nicht ändern. Anders jedoch ist das bei den Muskeln und Faszien. Und damit sind wir bei einem Begriff, der im Yin-Yoga sehr wichtig ist, den Faszien (Bindegewebe).

Durch das lange Verweilen in den Haltungen kann die Praxis bis in tiefe Schichten des Körpers wirken. Yin-Yoga-Übungen haben einen stimulierenden Effekt auf Muskeln und Bindegewebe und lösen Verspannungen und Verklebungen.
 
Yin Yoga ist nicht zu verwechseln mit Restorative Yoga, wie Yin-Yoga-Ausbilder Markus Henning Giess erklärt. Denn im Yin Yoga wird das Gewebe — die Umhüllung der Muskulatur und sogar die Bänder und Gelenkkapseln — stark bearbeitet. Dabei geht es gar nicht so sehr um eine Dehnung, darum, noch flexibler zu werden, sondern um den Umbau des Fasziengewebes, damit es gesund bleibt. Wenn wir lange sitzen, sammeln sich viele Giftstoffe im Gewebe an. Durch das Hineinlehnen in eine Asana, zum Beispiel in eine Vorwärtsbeuge, wird das Gewebe aufgespannt. So werden die Giftstoffe ausgeschwemmt und Nährstoffe hereingeholt.

Bolster statt angespannte Muskeln

Anders als bei den klassischen Yang-Yoga-Übungen werden die Muskeln im Yin Yoga nicht angespannt; Außerdem wird nur im Sitzen und Liegen praktiziert. Daher die vielen Hilfsmittel wie Bolster, Decken oder Blöcke. Diese und das Gewicht unseres eigenen Körpers helfen uns, die Muskeln um das Gelenk, das wir bearbeiten wollen, loszulassen, und lange in einer Asana zu verweilen.
 
Ein weiterer Unterschied zu fordernden Flow-Klassen: wir gehen nicht bis an unser Maximum. Wir verweilen dort, wo sich die Dehnung gut anfühlt und wo wir sie einige Minuten halten können. Im Laufe der Asana werden wir merken, dass es dort und da zu ziehen oder stechen beginnt, dass wir nach links oder rechts pendeln. Der Körper findet in der Stille zu seiner Mitte, und mit ihm der Geist. Durch die Konzentration auf einen Körperbereich, etwa die Wirbelsäule bei einer Vorwärtsbeuge, springen die Gedanken immer langsamer fort, eh sie sanft ausschwingen — wie die Kreise im Wasser, in das wir einen Stein geworfen haben.

Insofern hat Yin Yoga auch eine therapeutische Wirkung. Die Endorphinausschüttung kann sogar Schmerzen lindern, sagt Markus Henning Giess.

Der Knochenbau ist die individuelle Grenze

Yin Yoga lehrt uns auch, unsere Grenzen zu erkennen und zu achten. Das beginnt bei den Knochen. Paul Grilley sagt, nicht jede Yogini, jeder Yogi kann jede Asana in der gleichen Form ausführen.

Denn jeder Mensch ist anders gebaut. Was für die einen leicht ist, können die anderen niemals. „Der Knochenbau ist die ultimative Grenze”, erklärt Markus Henning Giess, der bei Grilley gelernt hat. Ein Beispiel ist der Lotussitz, der neben dem Kopfstand vielfach als Königin der Asanas bezeichnet wird. Die meisten Menschen aus westlichen Ländern können ihr Hüftgelenk nur 40 bis 70 Grad nach außen rotieren, für den Lotus bräuchte es aber 90 Grad. Viele glauben, man könne sich in den Lotussitz „hineintrainieren”, aber das ist fatal und führt nur zu Überdehnungen und Verletzungen.

Das Wichtige aber ist, so Markus Henning Giess, die W-Fragen zu stellen. Warum wollen wir in die eine oder andere Pose hineinkommen? Warum möchte ich einen Lotus können? Was ist überhaupt die Funktion eines Lotus? Wer sich diese Fragen stellt und einen Lehrer hat, der im individuellen Knochenbau geschult ist, wird langsam von der ästhetischen Ausrichtung zu einer funktionalen Ausrichtung wechseln. Es gibt zum Beispiel viele Asanas, die dieselbe körperliche Wirkung wie ein Lotus haben.

Auch unsere Wirbel können uns einschränken, wenn es darum geht, uns nach vorne oder hinten zu beugen. „Manche Menschen haben vier, manche fünf und manche sechs Lendenwirbel“. Manche Menschen haben dickere Dornfortsätze mit wenig Platz dazwischen was weniger Rückbeuge bedeutet, manche dünnere Dornfortsätze mit viel Platz dazwischen, was mehr Rückbeuge bedeutet. Hier ist das ultimative Limit einer Rückbeuge festgelegt“, erläutert Markus Henning Giess.

Da unser Körperbau ganz individuell ist, sollten wir auch individuell Yoga üben, predigt Grilley und geht damit weg vom klassischen Alignment; Also der klassischen Ausrichtung.

Quelle: https://www.yogamehome.org/yin-yoga

Fotoquelle: yogamehome

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